Was wird meine Zukunft sein?   Teil 2





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Ich bin froh, dass Du aus eigenem Antrieb gekommen bist, ohne aufgefordert zu sein, und vielleicht können wir, wenn Du willst, mit unserer Unterhaltung über Mittelmäßigkeit und die Zukunft Deines Lebens fortfahren. Man kann in seinem Beruf hervorragend sein; wir sagen nicht, dass in allen Berufen Mittelmäßigkeit herrscht, z.B. braucht ein guter Zimmermann nicht mittelmäßig in seiner Arbeit zu sein, doch er könnte es in seinem täglichen inneren Leben, seinem Familienleben sein. Wir verstehen jetzt beide die Bedeutung dieses Wortes, und wir sollten gemeinsam die Tiefe dieses Wortes ergründen. Wir sprechen über die innere Mittelmäßigkeit, psychische Konflikte, Probleme und seelischen Nöte. Es kann große Wissenschaftler geben, die doch innerlich ein mittelmäßiges Leben führen. Wie wird also Dein Leben sein? In vieler Beziehung bist Du ein intelligenter Schüler, doch wie wirst Du Dein Gehirn gebrauchen? Wir sprechen nicht über Deine Karriere, das kommt später; was uns interessiert ist, wie Du leben wirst. Natürlich wirst Du kein Verbrecher im üblichen Sinne des Wortes werden. Du wirst auch, wenn Du klug bist, kein Unterdrücker werden, die sind zu aggressiv. Du wirst wahrscheinlich einen ausgezeichneten Beruf haben, ausgezeichnete Arbeit leisten, gleich was Du tun wirst. Also lassen wir das nun beiseite, doch innerlich, wie sieht Dein Leben aus? Innerlich, wie wird Deine Zukunft sein? Wirst Du wie alle Welt sein, immer dem Vergnügen nachjagen, immer von einem Dutzend psychischer Probleme geplagt?




"Im Augenblick, Sir, habe ich keine Probleme, außer den lästigen Prüfungen, die ich ablegen muss. Sonst habe ich eigentlich keine Probleme. Ich habe eine gewisse Freiheit. Ich fühle mich glücklich, jung. Wenn ich viele dieser alten Leute sehe, frage ich mich, werde ich auch einmal so werden? Sie haben anscheinend doch gute Karrieren gehabt oder haben etwas getan, was sie wollten, aber trotzdem sind viele trübselig, stumpf geworden und scheinen kaum von den tieferen Fähigkeiten ihres Gehirns Gebrauch gemacht zu haben. Ich will bestimmt nicht so werden. Das ist nicht Eitelkeit, aber ich will etwas anderes für mich haben. Das ist kein Ehrgeiz. Ich will eine gute Karriere und all das, aber ich will auf gar keinen Fall so werden wie diese Leute, die alles verloren zu haben scheinen, was ihnen etwas bedeutete.




"Du willst vielleicht nicht so werden wie diese Leute, aber das Leben ist eine sehr anstrengende und grausame Angelegenheit. Es wird Dich nicht verschonen. Du wirst unter dem großen Druck der Gesellschaft stehen, ob Du nun hier lebst oder in Amerika oder in irgendeinem anderen Teil der Welt. Man wird Dich unaufhörlich bedrängen, so wie die anderen zu werden, Dinge zu sagen, die Du eigentlich nicht meinst, und wenn Du heiratest, kann auch das zu Problemen führen. Du musst verstehen, dass das Leben eine sehr komplexe Angelegenheit ist - Du kannst nicht einfach dem nachgehen, was Du willst und eigensinnig darauf beharren. Diese jungen Menschen wollen etwas werden - Anwälte, Ingenieure, Politiker und so weiter, da ist ein Drang, ein zwanghaftes Streben nach Macht und Geld. Das ist es, was diese alten Leute, von denen Du sprichst, hinter sich haben. Sie sind verbraucht von den ständigen Konflikten, von ihren Begierden. Schau sie Dir an, die Menschen um Dich herum. Sie sitzen alle im selben Boot. Ein paar verlassen das Boot und wandern endlos und sterben. Andere suchen sich ein friedliches Plätzchen Erde und setzen sich zur Ruhe; andere gehen in ein Kloster, werden Mönche verschiedener Art. Die große Mehrheit, Millionen und Abermillionen, führen ein sehr kleines Leben, ihr Horizont ist äußerst begrenzt. Sie haben ihre Kümmernisse, ihre Freuden, und scheinen niemals zu entkommen oder sie zu verstehen und darüber hinaus zu gelangen. Da fragen wir uns also wieder, was wird unsere Zukunft, insbesondere Deine Zukunft sein? Natürlich bist Du viel zu jung, um tief in diese Frage einzudringen, denn Jugend hat nichts mit dem vollkommenen Verstehen dieser Frage zu tun. Du bist vielleicht Agnostiker, denn die Jugend glaubt an gar nichts, doch wenn Du älter wirst, wirst Du Dich wahrscheinlich irgendeiner Form religiösen Dogmas, religiöser Überzeugung zuwenden. Religion ist kein Opium, doch viele Menschen haben die Religion nach ihrer eigenen Vorstellung geschaffen, als blinden Trost, der Sicherheit gibt. Sie haben Religion zu etwas vollkommen Unintelligentem und Unbrauchbaren gemacht, nicht zu etwas, womit man leben kann. Wie alt bist Du?"




"Ich werde neunzehn, Sir. Von meiner Großmutter werde ich etwas erben, wenn ich einundzwanzig bin, und vielleicht kann ich, bevor ich auf die Universität gehe, reisen und mich ein wenig umsehen. Aber ich werde immer, wohin ich auch gehe, wie auch immer meine Zukunft aussehen wird, diese Frage mit mir herumtragen. Ich könnte heiraten, das werde ich wahrscheinlich auch, und Kinder haben, und dann kommt die große Frage - was wird ihre Zukunft sein? Ich weiß ungefähr Bescheid über das, was die Politiker überall auf der Welt tun. Ich halte das für ein hässliches Geschäft, also werde ich wohl nicht Politiker werden. Das ist mir so ziemlich klar, aber ich will einen guten Beruf haben. Ich möchte mit meinen Händen und mit meinem Kopf arbeiten, aber die Frage wird sein, wie werde ich nicht zu einem mittelmäßigen Menschen wie neunundneunzig Prozent der Welt? Also, Sir, was soll ich tun? Oh ja, ich weiß wie das ist mit den Kirchen und Tempeln, das alles hat für mich keine Anziehungskraft. Ich lehne mich eher gegen das alles auf - die Hierarchie der Autorität -, doch wie kann ich vermeiden, ein gewöhnlicher, durchschnittlicher, mittelmäßiger Mensch zu werden?
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"Wenn ich etwas vorschlagen darf; frage nie und unter keinen Umständen "wie". Wenn Du das Wort "wie" gebrauchst, dann willst Du, dass Dir jemand sagt, was Du tun sollst, einen Führer, ein System, jemanden, der Dich an der Hand führt, und damit verlierst Du Deine Freiheit, Deine Fähigkeit zu beobachten, Deine eigenen Aktivitäten, Deine eigenen Gedanken und Deine eigene Lebensweise. Wenn Du fragst "wie", wirst Du wirklich ein Mensch aus zweiter Hand; Du verlierst Deine Integrität und die angeborene Ehrlichkeit, Dich selbst zu betrachten, zu sein, was Du bist und über das, was Du bist, hinaus- und weiterzureichen. Nie, niemals frage "wie". Wir sprechen natürlich über das Psychische. Selbstverständlich musst Du "wie" fragen, wenn Du einen Motor zusammensetzen, einen Computer oder eine Brücke bauen willst. Das musst Du von jemandem lernen. Doch psychische Freiheit und Originalität kann nur entstehen, wenn Du Dir Deiner eigenen inneren Vorgänge bewusst bist, beobachtest, was Du denkst, und niemals einen Gedanken entkommen lässt, ohne sein Wesen, seinen Ursprung zu beobachten - zu beobachten, anzuschauen. Man lernt durch Beobachten viel mehr über sich selbst als aus Büchern oder von einem Psychologen oder einem vertrackten, gescheiten, gelehrten Wissenschaftler oder Professor.
Das wird sehr schwer sein, mein Freund. Es kann Dich hin und herreißen, in viele Richtungen. Es gibt so viele sogenannte Versuchungen - biologische, soziale, und Du kannst von der Grausamkeit der Gesellschaft zerstört werden. Natürlich wirst Du selbständig werden müssen, aber das kannst Du nicht durch Gewalt, Entschlossenheit oder Wünschen erreichen, sondern es geschieht, indem Du das Falsche um Dich her und in Dir selbst zu sehen beginnst: die Gefühle, die Hoffnungen. Wenn Du zu sehen beginnst, was falsch ist, ist das der Anfang des Bewusstseins, der Intelligenz. Du musst Dir selbst ein Licht sein, und das ist eines der schwersten Dinge im Leben."




"Sir, Sie haben mir das alles so schwierig dargestellt, so unheimlich kompliziert, überwältigend und beängstigend."





"Ich will Dich nur auf dies alles aufmerksam machen. Das heißt nicht, dass Tatsachen Dich zu ängstigen brauchen. Tatsachen sind da, um beobachtet zu werden. Wenn Du sie beobachtest, ängstigen Sie Dich niemals. Tatsachen sind nicht beängstigend. Doch wenn Du versuchst, ihnen auszuweichen, ihnen den Rücken zu kehren und davonzulaufen, dann ist das beängstigend.

Stehenzubleiben, zu sehen, dass das, was Du getan hast, vielleicht nicht ganz richtig ist, mit der Tatsache zu leben und sie nicht nach Deinem Belieben oder aufgrund eigener Reaktionsweisen zu interpretieren: das ist nicht beängstigend. Das Leben ist nicht ganz einfach. Man kann einfach leben, doch das Leben selbst ist unermesslich und komplex. Es erstreckt sich von Horizont zu Horizont. Du kannst mit ein paar Kleidern und einer Mahlzeit am Tag leben, doch das ist nicht Einfachheit. Sei also einfach, lebe unkompliziert ohne Widersprüche und so weiter, sei eben nur innerlich einfach. . .
Du hast heute morgen Tennis gespielt. Ich habe Dir zugesehen, und ich finde, Du spielst recht gut. Vielleicht treffen wir uns wieder einmal. Das hängt von Dir ab. "




"Danke, Sir.
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aus: Tagebuchaufzeichnung vom 30. Mai 1983 aus „Selbstgespräche, das letzte Tagebuch“ von Krishnamurti



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